Gefühlt ist aktuell in Deutschland „das“ Thema, die hohen Spritpreise an den Tankstellen.
Die Meldungen überschlagen sich, was neue Allzeit-Preishochs betrifft.
Es ist ein Thema, das (verständlich) die Emotionen der (kleinen) Bürger hochkochen lässt.
Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: Die Bundesregierung
Doch ist das wirklich so oder sitzen (viele) einem Trugschluss auf?
Dieser Artikel möchte für Klarheit und hoffentlich einen anderen, besseren Blick auf das Thema sorgen!
Dazu sollte man sich vorab einige Fragen stellen.
Wie setzt sich der Spritpreis zusammen?
In Deutschland, und teils auch in Nachbarländern, setzt sich der Preis für Diesel oder Benzin wie folgt zusammen:
- Energiesteuer
Diese ist eine fixe Steuer, die aktuell bei Benzin 65,4 Cent und bei Diesel 47,0 Cent beträgt. - CO2-Abgabe
Auch dieses ist eine fixe Steuer und liegt derzeit bei Benzin bei 15,6 Cent und bei Diesel bei 17,3 Cent. - Mehrwertsteuer
Wie bei vielen anderen Dingen im täglichen Leben liegt diese sowohl bei 19 % und ist immer im aktuellen Preis eingerechnet.
Dazu zwei Rechenbeispiele für Benzin:
Beispiel 1
Der Literpreis von Benzin liegt bei 1,499 Euro und setzt sich zusammen aus
- 65,4 Cent Energiesteuer
- 15,6 Cent CO2-Abgabe
- 23,9 Cent Mehrwertsteuer
In Summe sind das Steuern und Abgaben in Höhe von 1,049 Euro.
Die restlichen 45 Cent nimmt der Ölkonzern ein.
Beispiel 2
Der Literpreis von Benzin liegt bei 2,099 Euro und setzt sich zusammen aus
- 65,4 Cent Energiesteuer
- 15,6 Cent CO2-Abgabe
- 33,5 Cent Mehrwertsteuer
In Summe sind das Steuern und Abgaben in Höhe von 1,145 Euro.
Die restlichen 95,4 Cent nimmt der Ölkonzern ein.
Dieses zeigt:
Die Erhöhung des Literpreises von ca. 40% führt zwar für den Staat zu einer identischen Mehreinnahme der Mehrwertsteuer, doch in Summe „nur“ zu gut 9% mehr Geld im Staatssack. Im Gegensatz dazu ist der Ölkonzern der Gewinner, da seine Einnahme mehr als verdoppelt wird.
Wer legt den Spritpreis fest?
Wenn man den sozialen Medien und der aufgebrachten bürgerlichen Meinung Glauben schenken soll, liegt der schwarze Peter der Preisfestlegung bei der Bundesregierung.
Doch das ist sowohl zu einfach gedacht als auch falsch!
Der Spritpreis ist ein Marktpreis und dieser wird (sehr einfach definiert) neben unter anderem dem Angebot und der Nachfrage auch durch beispielsweise die politische Lage sowie – zum Hauptanteil! – von den Anbietern, also den Mineralölkonzernen, festgelegt!
Aktuell hat eine Weltmacht gefühlt aus dem Nichts einem der Hauptlieferanten den Krieg erklärt, was immense Folgen mit sich bringt, wie Versorgung der (abhängigen) Länder und Nutzung der wichtigsten zur Verfügung stehenden Transportwege.
Um nicht abzuschweifen, die vereinfachte Antwort lautet: Der Preis wird durch Markt, Politik und Konzerne festgelegt – insbesondere derzeit durch den Angriff auf den Iran!
Warum tut die Politik nichts gegen den „Preiswucher“?
Diese (sicherlich berechtigte) einfache Frage ist aufgrund der Komplexität nicht mit „Schwarz“ oder „Weiß“ zu beantworten.
Dennoch versuche ich es. Auch wenn ich es ablehne, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten: Was kann die Politik machen?
Die öffentliche Meinung ist ganz klar: Weg mit den Steuern und Abgaben! Hat (in Punkto Mehrwertsteuer) ja auch bei Corona (in Bezug auf Gastronomie) (angeblich) funktioniert!
Schauen wir zuerst auf das Thema Steuern und Abgaben:
Ja, die Bundesregierung könnte diese senken oder (zeitweise) abschaffen.
Die öffentliche Erwartungshaltung wäre dann klar: Der Literpreis wird um rund 1,15 gesenkt (Basis obiges 2. Rechenbeispiel).
Doch wird der Verzicht auf die Steuern und Abgaben die Endverbraucher erreichen?
Die Antwort: Es kommt (darauf) an (, wie die Konzerne agieren)!
Tun wir doch mal für einen Moment so, als wären wir der Mineralölkonzern.
Aktuell muss ich über einen Euro an den Staat abdrücken. Nun entscheidet der Staat auf die Steuern und Abgaben zu verzichten (oder sie zu senken).
Ich könnte jetzt maximal über einen Euro pro Liter mehr an Einnahmen generieren.
Was mache ich wohl?
Szenario 1: Ich gebe alles an den Verbraucher weiter. Die Preise purzeln. Meine Einnahmensituation ändert sich nicht.
Szenario 2: Ich gebe einen Teil, zum Beispiel 50%, an den Verbraucher weiter, der sich über „niedrigere“ Preise freut. Damit generiere ich ein zusätzliches Einnahmenplus von ca. 50%.
Szenario 3: Ich pfeife drauf und streiche dieses selbst ein. 2,099 Euro / Liter ist doch deutlich besser als nur knapp einen Euro!
Szenario 4: Ich nehme Szenario 2 und erhöhe schrittweise meinen Preis wieder bis zum Niveau von Szenario 3.
Wo wird die Wahrheit liegen?
Sehr starke Annahme basierend auf der Vergangenheit: Zwischen Szenario 2 und 3!
Das zeigt sich bereits bei unseren europäischen Nachbarländern wie Spanien oder Italien, die genau das gemacht haben.
Das bringt uns zur Corona-Theorie:
Damals wurde die Mehrwertsteuer für Gastronomiebetriebe gesenkt. Fast nur die kleinen Gastronomiebetriebe haben und mussten das an die Verbraucher weitergeben, sonst wären sie untergegangen – nicht wenige haben dennoch Konkurs gemacht. Die Großen haben nur wenig oder gar nichts weitergegeben.
Es ist daher fraglich, ob die so sehr geforderten Abschaffungen den Verbraucher wirklich in Form von Preissenkungen erreichen werden.
Betrachten wir fairerweise auch einmal die Staatsseite.
Seit 2020 werden rund 50.000.000 (50 Millionen) Tonnen Benzin (ca. 35% Anteil) und Diesel (65% Anteil) pro Jahr verbraucht – das sind um die 50.000.000.000 (50 Milliarden!) Liter. Bei rund einem Euro Steuer- und Abgabenanteil… brauchen wir einen Taschenrechner, um ungefähr zu erahnen, was das für ein Loch in die Staatseinnahmen reißen würde?
Was sind die Alternativen?
Diese gilt es kurzfristig auszuloten. Derzeit gibt es Ideen wie Energie-Pauschalen (ähnlich zu Coronazeiten), bessere steuerliche Vergünstigungen im Rahmen der Steuererklärungen bis hin zu Modifikationen von beispielsweise dem Deutschlandticket.
Warum ist es in anderen Ländern (deutlich) günstiger und dort funktionieren (steuerliche) Maßnahmen?
Der Mensch ist schon ein komisches Konstrukt: Wenn etwas schief geht, massive Einschnitte in unsere Leben passieren, dann suchen wir schnell nach dem Schuldigen und schauen über den Zaun zu anderen.
Warum ist es hier so, jedoch in X, Y oder Z nicht?
Warum gehen die anders mit der Situation um?
Was in solchen Momenten oft passiert, die sozialen Medien wie auch grenzwertige Parteien sind schnell dabei, ist ein 1:1-Vergleich.
Der Preis bei uns ist X Euro, warum ist er in Land A oder B jedoch nur Z Euro?
So menschlich dieses Verhalten ist, so kurzsichtig ist es allerdings auch! Denn es wird vergessen, auch die anderen länderspezifischen Rahmenbedingungen mit in die Betrachtung zu ziehen, wie zum Beispiel Lebenshaltungskosten, Preisentwicklungen, Inflation, Lohn-/Gehaltssituation und vieles mehr.
Auch hier Beispiele:
In Polen lag der Benzinpreis am 02.03.2026 bei 1,37 Euro / l. Ende März 2026 jedoch bei ca. 1,68 Euro / l. Ein Anstieg von ca. 23 %!
Im Vergleich entwickelten sich die Preise in Deutschland von 1,89 Euro zu 2,13 Euro – ein Plus von knapp 13%.
Schaut man nach Spanien (wird gern als Paradebeispiel genannt), zeigt sich folgendes Bild: Am 02.03. lag der Literpreis bei 1,57 Euro. Am 20.03. erreichte der Preis mit fast 1,82 Euro seinen Höchststand – ein Anstieg von knapp 16%!
Ja, Spanien hat daraufhin die Steuer reduziert, was zu einer Absenkung auf ca. 1,61 Euro / l geführt hat. Doch in Spanien zeigt sich, dass die Preise dennoch wieder ansteigen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Italien. Von 1,76 Euro stieg der Preis auf fast 1,96 Euro – fast +11,5%. Nach Eingriffen auch hier: Tendenz wieder steigend.
Jetzt sind wir bei einem 1:1-Vergleich – der jedoch eines entgegen dem medialen Trend schon zeigt: Deutschland liegt „mittendrin“ und ist nicht „der negative Spitzenreiter“.
Es muss jedoch über den Tellerrand (spricht Spritpreis) geschaut werden. Um es nicht zu komplex und ausufernd zu machen, schauen wir einfach mal nur auf die statistischen monatlichen Bruttoeinkommen (Zirka-Werte, Stand Ende 2024) der oben genannten Länder:
- Deutschland – 55.000 Euro (+13%)
- Italien – 38.300 Euro (+11,5%)
- Spanien – 33.500 Euro (+16%)
- Polen – 22.000 Euro (+23%)
Zusätzlich habe ich die prozentualen Preisanstiege für Benzin in () angefügt.
Das Bild ändert sich schon jetzt deutlich.
Je mehr Kennzahlen man hinzufügt, Lohnsteuer, Lebenshaltungskosten und so weiter, umso mehr verdichtet sich, dass wir hier in keiner Weise von einem Deutschland exklusiven Problem sprechen können und dürfen.
Fazit
Nach so viel Text, machen wir es kurz und bündig:
- Ja, die Regierung erhält einen (nicht geringen) Anteil am Spritpreis.
- Nein, die Regierung setzt nicht den Spritpreis fest, sondern Markt(situation) und die Unternehmen.
- Es ist höchst zweifelhaft, dass Änderungen an den Steuern und Abgaben beim Endverbraucher ankommen.
- Nicht Deutschland hat das Problem, sondern die Welt.
Mit diesem Artikel möchte ich die aktuelle Situation keineswegs „gut“ schreiben. Wir befinden uns in einer äußerst schwierigen Situation, die – meiner persönlichen Meinung nach! – andauernd wird. Jeder ist betroffen, vom privaten Haushalt bis hin zu den Unternehmen.
Doch pauschale Rufe nach Steuersenkungen oder klare Falschaussagen in Richtung Regierung sind weder hilfreich, lösungsorientiert noch zielführend.
Wie so oft sind derartige Themen deutlich komplexer und nicht durch provokante Stammtisch-Politiker-Parolen lösbar!
Hinweise
Der Artikel stellt meine Sicht der Dinge und meinen Erklärungsversuch dar.
Es wurde ausführlich dazu recherchiert. Die Daten sind statistische Durchschnittswerte und mit wenig Aufwand im Internet verifizierbar.
Das Beitragsbild wurde mittels ChatGPT selbst erstellt.
